Schiller ist immer wieder ein anderer



Vor vier Jahren, zum 200. Todestag, wurde Schiller wieder in die Gegenwart geholt. Seitdem ist er mächtig auf der Bühne, auch im wörtlichen Sinne. Seine Stücke werden gespielt, mit riesigem Erfolg. Man denke nur an Peter Steins aufsehenerregende Wallenstein-Inszenierung.

In diesem Jahr, am 10. November 2009, feiern wir Schillers 250. Geburtstag. Inzwischen muss man diesen Klassiker nicht mehr entstauben. Er ist da, frisch und lebendig. Man braucht ihn nur zu lesen. Und es gibt noch manches an ihm zu entdecken: den Mediziner, der über Gehirn und Freiheit nachdenkt; den Dramatiker, der die Grenzen der Macht und der Machbarkeit zeigt; den Philosophen, für den der Spieltrieb die Grundlage der Zivilisation ist. Dieses Genie, das die deutsche Literatur revolutionierte, während in Paris die Revolution tobte, bedarf keiner Denkmalpflege. Er ist nicht von gestern und gehört doch zu einer großen Tradition.

Fast schon legendär ist die Geschichte der Freundschaft mit Goethe, ein herzlicher Wettstreit, bei dem sich zwei Große wechselseitig zu ihrem Besten

anstacheln und dadurch eine ganze Epoche, die kulturell fruchtbarste in Deutschland, prägen. Schillers Enthusiasmus für die Freiheit wirkt immer noch ansteckend, denn es geht hier um Leib und Leben. Schiller hat seine Werke den beengenden gesellschaftlichen Umständen und einem kranken Körper abgerungen. Er hat seinen berühmten Satz wahr gemacht: Es ist der Geist, der sich den Körper baut. Das zeigen seine Dramen, seine Gedichte, seine Theorien und – sein Leben.

Sie können als Ermunterung wirken in schwierigen Zeiten, wenn es in der Ökonomie, der Biologie und der Politik so aussieht, als hätte der Einzelne keine Chance. Bei Schiller lässt sich lernen, welcher geistige Reichtum entsteht, wenn man es auf den Einzelnen ankommen lässt.

Goethe sagte über Schiller: Er war ein großer Mensch. Alle acht Tage war er ein anderer. Das gilt bis heute: Schiller ist immer wieder ein anderer. Man darf sich auf Überraschungen gefasst machen.

Zum Geleit,
im August 2009
Rüdiger Safranski




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Editorischer Hinweis:
Die Texte zur Biografie Friedrich Schillers entstammen dem dtv-Magazin »Schiller«, das zum 200. Todestag erschienen und mittlerweile vergriffen ist. Das Geleitwort von Rüdiger Safranski auf dieser Website stammt aus der aktualisierten und erweiterten Ausgabe des Schiller-Magazins zum 250. Geburtstag am 10. November 2009. Dieses neue Schiller-Magazin können Sie hier als pdf-Dokument kostenlos herunterladen.
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Text und Textauswahl in beiden Magazinen stammen von Prof. Dr. Joseph Kiermeier-Debre. Er arbeitet als Museumsleiter, Programm- und Ausstellungsmacher und ist Dozent für Neuere deutsche Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Schriften und Herausgeber der dtv Bibliothek der Erstausgaben.

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